_Statement





The word, ‘world’ immediately brings up complex associations. Infinitely many elements, which are interconnected yet mutually dependent, produce and determine a hypercomplex system. When one thinks of the problems of our time, our thoughts twist into a Gordian knot, and the strands are so intricately intertwined that it seems impossible to link causes and effects. We are left with no clear answers, only loose ends.


Globalisation - Justice - Competition - Consumption - Identity - Resources - Digitisation - Sustainability.


Each of these tags is related to the modern constitution of the world. If you try to systematize these concepts, one quickly reaches a limitation: for example, how are the areas of sustainability and resources connected? Can we use natural resources sustainably? What resources have been exhausted in the foreseeable future? What environments have been irreparably damaged by resource extraction? Which countries can afford to protect their natural resources? At what price? These questions necessarily lead to questions about the consumer. What do we choose to consume, and how much? Do we consume sustainably produced goods? Why? Why not? Are consumption and the logic of the commodity inseparable? How does consumer behaviour differ between societies? Are subsistence and consumption equivalent? In what proportion do different demographics consume goods? What does our consumer behaviour say about us? As you can see, consumption gradually merges with the issue of identity, and raises new questions. How strongly do we connect identity with consumption? What status symbols are central to our self-expression? What physical indicators do we use to categorize our fellow human beings? What does it mean for society if status symbols play an important role in fashioning our social status? What does this mean for economically homogeneous societies? Economically diverse societies? How does global networking lead to the emergence of new identities, new consumer expectations, new beauty needs? Who dominates the global discourse on identity, consumerism, beauty, ‘the good life’? Who fits in the grid of social and global subject requirements? We consume expensive status symbols—under what social conditions and with what resources are the produced? These questions spiral progressively deeper and expand into contexts of global injustice, competition logic, economic and ecological crises, digital networking, hegemonic status, and identity discourses.

The interplay of these topics clearly shows that it is impossible, in the modern world, to think of these questions in isolation. One question only leads to the next. The individual elements form a system; they are the parts that structure a hypercomplex entity. When one analyzes a single piece of the system, it behaves differently because it is in a different context. If a part is added or removed, the system’s dynamic is changed.

Michael Stoll is concerned with precisely this Gordian knot of unanswered questions. The complex entanglement of elements that structure the complexity of the world is to be found reflected in his individual work and oeuvre. Both in the series Naturally and in the series Bitmaps Stoll plays with the viewer’s proximity to the image. By changing the distance between viewer and image details disappear and structures are revealed that were previously hidden. In this series of structural images Stoll combines analog with digital and experiments with the removal and addition of elements and the impact of these changes on the total system.

Outside of these series, Stoll pushes the game between closeness and distance, and elements and systems, further. In the book arbeiten. Michael Stoll 2002 - 2014 he examines the interaction between subject areas, moving beyond chronology and series. Which images come forth and are dominant? Which disappear in the background? How will changing distances or including the neighbourhood of an image effect its interpretation? What new questions arise at the macro level? What new structures, networks, and dynamics are generated by non-chronological, unthematic arrangements?

In following with this statement, Stoll is concerned with taking a broad thematic spectrum of the modern world, from microstructural issues of identity to macrostructural questions about justice and global production processes. At the same time he raises questions of a more technical, conceptual nature when searching and defining elements in isolation, then returning them to their context. In such a way, he introduces the viewer to his search for the structure that underlies the apparent chaos of the world.



Text: Leonie Lydorf
Translation: Sophia Erdahl










Fluchten















  


 
Denkt man ‚Welt’, kommt einem sofort das Wort Komplexität in den Sinn. Unendlich viele Elemente, die mit einander verbunden sind, sich gegenseitig bedingen, hervorbringen und determinieren und ein hyperkomplexes System bilden. Denkt man an die Probleme unserer Zeit entsteht ein gordisches Knäul im Kopf, dessen Stränge so stark miteinander verwoben sind, dass es unmöglich scheint eines der vielen losen Enden in das Knäul hinein zu verfolgen.


Globalisierung - Gerechtigkeit - Wettbewerb - Konsum - Identität - Ressourcen - Digitalisierung


Jedes dieser Schlagworte steht unbestritten in einem assoziativen Zusammenhang mit der modernen Verfasstheit der Welt. Versucht man eine Systematik in diese Worte zu bringen stößt man schnell an seine Grenzen: Nachhaltigkeit und Ressourcen sind offensichtlich miteinander verbunden. Wie funktioniert ein nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen? Was wird wie, wo und mit welchen Ressourcen produziert? Welche Ressourcen sind in absehbarer Zeit erschöpft? Welche natürlichen Räume sind durch Ressourcenabbau bereits irreparabel beschädigt? Welche Staaten können sich den Schutz ihrer natürlichen Ressourcen leisten? Welche Staaten betreiben Raubbau an ihren Ressourcen oder lassen diesen zu? Zu welchem Preis? Diese Fragen führen notwendiger Weise zu Fragen nach dem Konsum: Was konsumieren wir? In welchen Mengen konsumieren wir bestimmte Güter? Konsumieren wir nachhaltig erzeugte Produkte? Warum? Warum nicht? Sind Konsum und die Logik der Ware untrennbar miteinander verbunden? Wie unterscheidet sich das Konsumverhalten in verschiedenen Gesellschaften? Sind Erwerb und Konsum eigentlich das Selbe? In welchem Mengenverhältnis stehen von uns erworbene zu von uns konsumierten Gütern? Was sagt unser Konsumverhalten über uns aus? Konsum leitet also über zum Schlagwort der Identität. Wie stark verbinden wir Identität mit Konsum? Welche Statussymbole sind Mittel unserer Selbstdarstellung? Welche materiellen Indikatoren verwenden wir für die Kategorisierung unserer Mitmenschen? Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn der Konsum von Statussymbolen einen hohen Stellenwert in der Selbst- und Fremdzuschreibung unseres gesellschaftlichen Status einnimmt? Was bedeutet dieser Zusammenhang in ökonomisch homogenen Gesellschaften? Und was in ökonomisch heterogenen Gesellschaften? Wie wirkt sich die globale Vernetzung auf die Entstehung neuer Identitäten, neuer Konsumvorstellen, neuer Schönheitsanforderungen aus? Wer dominiert den globalen Diskurs über Identität, Konsum, Schönheit, das gute Leben? Wer passt in das Raster gesellschaftlicher und globaler Subjektanforderungen? Wir konsumieren teure Statussymbole – unter welchen sozialen Bedingungen und mit welchen Ressourcen werden diese produziert? Immer tiefer gerät man in die Fragenspirale nach Zusammenhängen von globaler Gerechtigkeit, Wettbewerbslogik, ökonomischer und ökologischer Krisenhaftigkeit, digitaler Vernetzung, hegemonialen Status- und Identitätsdiskursen.

Das Wechselspiel dieser Themenbereiche zeigt anschaulich, dass sich die Fragen der Welt in der moderne nicht isoliert beantworten lassen. Eine Frage leitet über zur nächsten. Die einzelnen Elemente bilden ein System, sind Teile einer Struktur, eines komplexen Gebildes. Greift man ein Teilchen des Systems zur Betrachtung heraus, wirkt es anders, als in seinem Gesamtzusammenhang. Genauso verändert sich die Statik, die Dynamik des Systems wenn ein Teil entfernt oder wieder hinzugefügt wird.

Michael Stoll befasst sich mit genau diesem gordischen Knoten unbeantworteter Fragen. Die komplexe Verwobenheit von Elementen, die Struktur der Komplexität ist gleichermaßen in einzelnen Arbeiten wie im Gesamtwerk zu finden. Sowohl in der Serie Selbstverständlich als auch in der Serie Pixelbilder spielt Michael Stoll mit der Nähe des Betrachters zum Bild. Verändert der Betrachter die Distanz zum Bild verschwinden Details, werden Strukturen sichtbar, die vorher verborgen waren. In der Reihe der Strukturbilder verbindet Michael Stoll Analoges mit Digitalem und experimentiert mit dem Entfernen und Hinzufügen und den Auswirkungen dieser Veränderungen auf das Gesamtsystem.

Außerhalb von Serien treibt Michael Stoll das Spiel von Nähe und Distanz, von Element und System weiter. Wie im Buch arbeiten. Michael Stoll 2002 - 2014 sucht er die Interaktion zwischen Themenkomplexen jenseits von Chronologie oder Serien. Welche Bilder treten dominant hervor, welche verschwinden im Hintergrund? Wie verändert sich die Aussage eines Bildes durch die Distanz, durch den Einbezug seiner Nachbarschaft? Welche neuen Fragen entstehen auf der Makroebene? Welche neuen Strukturen, Vernetzungen, Dynamiken werden durch eine nichtchronologische, nichtthematische Anordnung generiert?

Der Logik dieser Interaktion folgend befasst sich Michael Stoll mit einem breiten thematischen Spektrum der modernen Welt, von mikrostrukturellen Fragen der Identität bis hin zu makrostrukturellen Fragen nach der Gerechtigkeit globaler Produktionsprozesse. Gleichzeitig sind Fragen nach eher technischen, konzeptuellen Zusammenhängen dominant, wenn sich Michael Stoll auf die Suche macht, Elemente zu definieren, zu isolieren, um sie dann wieder in einen Kontext zu stellen. Der Betrachter wird zum Spurensucher, der die Veränderungen verfolgt und nachvollzieht, immer auf der Suche nach der Struktur im scheinbaren Chaos.
  
 
Leonie Lydorf 













Fluchten